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Ferienakademie Experimenta 2004

Vielfalt im Zusammenleben

 

 Experimenta 2004

34 hochbegabte Kinder im Alter von 8 bis 13 Jahren verbrachten in den Sommerferien 7 Tage im hessischen Gladenbach-Weidenhausen. Sie waren Teilnehmer einer vom Hessischen Kultusministerium und der Karg-Stiftung geförderten und von der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind Rhein-Main-Hessen e.V. unter dem Motto ‚Vielfalt im Zusammenleben. Schlau wie ein Fuchs – Auf den Spuren heimischer Wildtiere’ organisierten Ferienakademie. Das Thema war bewusst doppeldeutig formuliert, ging es doch nicht nur um kognitive Inhalte, sondern auch um Selbsterfahrung.

Eine Ferienakademie, ausschließlich angereichert mit intellektuellen Herausforderungen, ist nicht vorrangig das Ziel des Regionalvereins Rhein-Main Hessen, weil sie sich nicht ausschließlich als Bildungseinrichtung begreift, sondern sich auch die Aufgabe stellt, Veranstaltungen zur Persönlichkeitsentwicklung anzubieten. Der bsj e.V. Marburg (Verein zur Förderung bewegungs- und sportorientierter Jugendsozialarbeit), auf dessen Gelände die Ferienakademie in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal stattfand, wurde deshalb wieder in die professionelle Programmgestaltung der Ferienakademie miteingebunden.

Dass man sich selbst z.T. sehr fremd sein kann, diese Erfahrung machen Hochbegabte häufiger. Sie sind oft gleichzeitig intellektueller Unterforderung sowie extremem Anpassungsdruck ausgesetzt. Leistungsverweigerung und Anpassungsschwierigkeiten können die Folge sein. Rückzug aus der Gemeinschaft ist oft die Folge, teils, weil die Klassengemeinschaft diese Kinder nicht integrieren kann oder will, teils aus Selbstschutz, um sich vor diesen Erfahrungen zu schützen.

Hier setzte die Arbeit des bsj e.V. ein. Für die 34 hochbegabten Kinder wurde nach dem Prinzip des Erfahrungslernens in der Gruppe ein Konzept erarbeitet, das sie vor herausfordernde und schwierig zu lösende Situationen stellte, die nur gemeinsam bewältigt werden konnten, um ihnen einen Anlass zu geben, sich mit sich selbst und den anderen auseinander zu setzen. Bei Teamaktivitäten und in Kooperationsaufgaben wie gemeinsamem Klettern und Balancieren erfuhren die Kinder ihre eigenen Stärken, Schwächen, Wünsche und Grenzen, es wurde aber auch notwendig, ebensolche bei den anderen Gruppenmitgliedern wahrzunehmen und zu akzeptieren. So mussten die Einzelkämpfer erfahren, dass der Mohawk-Walk, ein Balanceakt auf einem Drahtseil, das in den Bäumen des Weidenhausener Waldes gespannt war, allein nicht zu bewältigen ist. Nur wer bereit und fähig zur Teamarbeit war, konnte diese Aufgabe lösen. Ansonsten war der Absturz, bergmännisch natürlich gesichert, vorprogrammiert. Auch der so genannte Eichhörnchenflug – an einem Seil wurden einzelne Kinder von der Gruppe an einem Baum hochgezogen und dann wie im Flug geschwungen - erforderte die Kooperation der ganzen Gruppe. Für die Kinder oft ein vollkommen neues Gefühl, sich auf andere zu und im Wortsinn von der Gruppe getragen zu werden. Besonderen Anklang fand auch der Bau einer vier Meter langen Murmelbahn im Wald, die nach bestimmten Vorgaben mit Naturmaterialien errichtet werden musste.

In Reflexionseinheiten wurde anschließend versucht, einen Transfer zum Alltag herzustellen, um die gewonnenen Team- und Konfliktlösungsstrategien dorthin zu übertragen. Die sonst eher kognitiv veranlagten Kinder kamen bei diesen Aufgaben zu dem Ergebnis, dass zu viele theoretische Überlegungen manchmal auch handlungsunfähig machen können – eine für viele ganz neue Erfahrung.

Nachdem sich die Gruppe in den ersten beiden Tagen bei den gruppendynamischen Aktivitäten gefunden hatte, erste Konflikte bewältigt und bereits die ersten Freundschaften geschlossen waren, ging es auf Spurensuche im Wald, denn die in ihrem Alltag intellektuell oft unterforderten Kinder sollten sich neben der Selbsterfahrung natürlich auch kognitiven Inhalten widmen dürfen. Unter der fachkundigen Leitung eines Wildbiologenteams fanden verschiedene Workshops mit teils theoretischen, teils praktischen Inhalten statt. Es wurden Fährten von Wildtieren bestimmt, die mit Gips ausgegossen und so als Erinnerung mitgenommen werden konnten. Das Fangen und Beobachten der Kleinsäuger, vor allem der Rötelmäuse, erwies sich als zeitraubende und verantwortungsvolle Aufgabe, denn die kleinen Nager sollten ja nicht zu lange eingesperrt sein. So mussten die Fallen regelmäßig kontrolliert und die Anschauungsobjekte nach geleisteter Beobachtungsaufgabe wieder freigelassen werden. Das Untersuchen von Eulengewöllen brachte so manches Kind an die Grenzen seiner Belastbarkeit, ging doch von den unverdauten Mageninhalten ein beißender Geruch aus. Doch mit Akribie und Forschergeist wurde so manches Mäuseskelett aus der stinkenden braunen Masse herausgearbeitet und zusammengepuzzelt. Höhepunkt war für viele eine Nachtwanderung, bei der Rehe in freier Wildbahn beobachtet wurden.

Da das Wetter einigermaßen mitspielte, gab es am Abend nach getaner Arbeit die Möglichkeit zum Lagerfeuer, diverse Fußballspiele und einen Videoabend. Viele Kinder nutzten aber auch einfach die Möglichkeit zu Gesprächen, konnten sie sich in dieser Runde doch über Schulprobleme austauschen und auf Verständnis Gleichgesinnter hoffen, was sie besonders genossen.

Da sich die kognitiven und die erlebnispädagogischen Programmpunkte abwechselten, was durch gemeinsame Planung der Biologen und der Sozialpädagog/innen ermöglicht wurde - unterstützt von vier studentischen Betreuer/innen, die den Kindern über die ganze Woche verständnisvolle Ansprechpartner waren - konnten die Erfahrungen aus beiden Bereichen aufeinander übertragen, direkt ausprobiert und reflektiert werden. Ganzheitliches Lernen also, was uns mit diesem Konzept gelungen ist!

Die ereignisreichen Tage wurden mit einer abschließenden Präsentation für alle Interessierten, aber vor allem natürlich für die Eltern beendet. Die Darstellungen reichten von Powerpoint-Präsentationen über Referate, einem Nachbau der Murmelbahn bis zu einem Sketch sowie einem liebevoll gemalten Comic. Dass die Kinder nach sieben Tagen noch in der Lage waren, mit Sorgfalt, Engagement und Kreativität ihre Darbietungen vorzustellen, hat alle im Publikum sehr beeindruckt. Danach waren dann aber auch die letzten Kraftreserven der Kinder und Betreuer aufgebraucht und alle sind erschöpft, aber fröhlich abgereist.

Für die Eltern war gerade die Kombination aus intellektuellen und gruppendynamischen Angeboten ein Grund, ihre Kinder z.T. schon zum zweiten Mal zu dieser Experimenta anzumelden. Dass das Programm auch nachhaltigere Wirkung zeigt, beweisen die Rückmeldungen der Eltern, die ihre Kinder im Anschluss an die Ferienakademie selbstbewusster, entspannter, konfliktfähiger und mit einer größeren Frustrationstoleranz ausgestattet erlebten. Auch für die Kinder war diese Ferienakademie eine neue Erfahrung, an der sie begeistert teilnahmen. So hieß es auch bei vielen Kindern zum Abschied: Bis nächstes Jahr! Den meisten Eltern jedoch erscheint dieser Zeitraum zu lang. Sie wünschen sich zum einen mehr Veranstaltungen dieser Art im Verlauf des Jahres, aber auch Unterstützung zum Leben mit ihrem hochbegabten Kind von der Beratung bis hin zum Elternseminar.

Anita Rösch und Ellen Reinhardt

  

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